Südafrika

Südafrika

Noch keine drei Stunden…

in Südafrika und schon sind wir mittendrin. Der Beginn unserer mehrwöchigen Reise durch das faszinierende Land der Regenbogennation hätte nicht besser verlaufen können: unproblematische Einreise am Kapstadter Flughafen, Geldwechsel, Abholung durch Maui, Übernahme des Miet-Reisemobils, Tanken, Grosseinkauf im Supermarkt. Und bevor wir uns dessen richtig bewusst sind, rollen wir bereits durch das Weinland in Richtung Norden. Über Franschhoek und Clanwilliam sind wir im ersten Abschnitt unserer Reise zum Namaqualand und dem Oranje River unterwegs.  

Wir freuen uns auf die Weite dieses Landes, auf die Vielfalt seiner Landschaften – die Halbwüsten der Großen und Kleinen Karoo, die Drakensberge, die Küsten des Indischen und Atlantischen Ozeans, die üppigen Wälder der Garden Route, die fantastische Tierwelt mit den Big Five – Büffel, Elefant, Leopard, Löwe und Nashorn – und die überwältigende Pflanzenwelt. Aber auch auf das europäisch anmutende Weinland, das Großstadtflair von Kapstadt und ganz besonders den Alltag der Menschen der Regenbogennation.

So viel vorab: Wir haben Südafrika als ein Traum-Reiseland erlebt, in dem wir mit entsprechend umsichtigem Verhalten nie auch nur einen Hauch von Angst hatten. Wir konnten tagsüber durchaus unbehelligt, wenn auch bestaunt, durch Homelands und Townships fahren. Uns Touristen gegenüber waren die Schwarzen insgesamt locker, offen, liebenswürdig. Sie nahmen spontan Kontakt auf. Vielleicht auch, weil die schwarzen Südafrikaner verrückt nach Fußball sind. Vor allem nach deutschem.

Die Jahreszeiten sind in Südafrika um ein halbes Jahr gegenüber Europa versetzt. Das heißt, im europäischen Sommer – folglich während der Fußball-Weltmeisterschaft (11.06. – 11.07.2010) – ist Winter in Südafrika. Allerdings mit Temperaturen zwischen 16 und 23 Grad Celsius, und: mit hervorragenden Möglichkeiten zur Tierbeobachtung.

Über die  „Hauptstadt des Roibushtees“ Clanwilliam fahren wir durch das fruchtbare, landwirtschaftlich intensiv genutzte und von Gebirgszügen eingefasste Tal des Olifant-Rivers zum Namaqualand bei Springbok. Den viel gepriesenen „Garten der Götter“ erleben wir jetzt im südafrikanischen Hochsommer als herbe Schönheit und als eine der am dünnsten besiedelten Regionen Südafrikas. Ganz anders ist das nach den Regenfällen im Frühjahr – zwischen August und September. Dann verwandelt sich die Landschaft in einen blühenden Teppich aus Gänseblümchen, Astern, Lilien, Orchideen und Glockenblumen.

Vom Oranje River zu den Drakensbergen

Unser nächstes Ziel sind die Augrabies Falls, in denen der Oranje River, der größte Fluss Südafrikas und Grenzfluss zu Namibia, zwischen rostroten Granitklippen über mehrere Stromschnellen über fast zweihundert Meter in die Tiefe stürzt. Uns präsentieren sich die Fälle weniger spektakulär als erhofft. Auf dem Weg von der Quelle in den Drakensbergen bis hierher wird der Fluss zur Trinkwasserversorgung so oft gestaut, dass er kaum noch Hochwasser führt.

Gut 500 Kilometer weiter östlich liegt die Diamantenstadt Kimberley mit dem Touristenmagnet Big Hole – dem großen Loch. Die kreisrunde Grube mit einem Durchmesser von 400 Metern gilt als das tiefste, je von Menschenhand gegrabene Loch in der Erdkruste. Bis zu einer Tiefe von 800 Metern hatten sich die oft 12.000 gleichzeitig beschäftigten Minenarbeiter seit 1871 in die Erde hinab gebuddelt. 23 Millionen Tonnen Erde haben sie dabei ausgehoben und im Laufe der Jahre 2,722 Kilogramm Diamanten gefunden – rund 14,5 Millionen Karat.

Um das Große Loch herum vermitteln die alten Fördertürme und die vor sich hin rostenden Maschinen und Fahrzeuge einen anschaulichen Eindruck davon, wie es hier in dieser Zeit des Diamantenrausches ausgesehen hat. Modern und exklusiv dagegen das Diamanten-Museum. Dssen Exponate sind in klimatisierten, komplett schwarz verhangenen Räumen und einschussfesten Glasvitrinen untergebracht. Gut gesichert durch Alarmanlagen und bewaffnetes Wachpersonal.

Der historische Ortskern draußen in der grellen Sommersonne gefällt uns besser. Zum Teil sind in dessen Gebäuden neue Geschäfte, Restaurants und Bars eingezogen. Zum Teil sind die ursprünglichen Einrichtungen erhalten geblieben – das simple Handwerkszeug des Schusters oder die filigranen Geräte des Uhrmachers. Allerdings: Der Behandlungsraum des Dentisten mit seinem ledergepolsterten Folterstuhl, der dicken biegsamen Welle und dem martialischen Bohrer lassen uns erschauern. Zur Belohnung und Krönung unseres Besuches gönnen wir uns eine Fahrt mit der Museums-Straßenbahn in die Stadt und zurück.

Dem „Dach des Südlichen Afrikas“ genannten, eigenständigen Königreich Lesotho und dem dahinter aufragenden, bis zu 3.500 Meter hohen Drakensberg-Massiv nähern wir uns im Dauerregen. Lesothos Hauptstadt Maseru empfängt uns als Afrika pur – überall Müll, Dreck, Verkehrschaos, rücksichtslose Sammeltaxi-Rennfahrer, Schrott rechts und links der Strasse. Dazwischen Kinder, Tiere, alte Männer und fliegende Händler. Vor den Wellblechhütten waschen Betuchtere ihre Autos. Mitten auf der Straße reparieren zwei junge Männer ihren aufgebockten Kleinbus. Für uns kaum nachvollziehber: die in Decken gehüllten Einwohner wirken arm, sind aber fröhlich. So ganz anders, als sich das der „weiße Mann“ vorstellt, winken sie uns freundlich zu.

In Lesotho halten wir uns nicht lange auf. Im Nieselregen fahren wir weiter zum Golden Gate Highland National Park, der hart entlang zur Grenze von Lesotho in den bis zu  2.700 Meter hohen Maluti-Bergen liegt. Die Gegend ist fantastisch. Gewaltigen Pilzen und Türmen gleich wachsen die Felsformationen aus dem Hang. Geschoben, gestaucht, gefaltet und geschliffen stehen sie da, die Mushroom Rock, Cathedral Cave, Gladstone’s Nose und Wodehouse Peak und trotzen schwankenden Temperaturen, Regen und Schneefall.

Ganz in der Nähe des Parks liegt das Basotho Cultural Village, ein liebevoll hergerichtetes Museumsdorf, durch das uns ein  junger Basotho, mit bestem Englisch führt. Der Volksstamm der Basothos, der auch Lesotho bevölkert, präsentiert hier seine Architektur, Bräuche und Kultur. Wie der Prospekt verheißt, vom frühen 17. Jahrhundert bis heute.

Bei wieder stärker werdendem Regen fahren wir über den Oliviershoek Pass in Richtung uKhalamba, der „Barriere der erhobenen Speere“, wie die Zulus den Basalt-Lindwurm der Drakensberge nennen. Deren Gesamtmassiv erstreckt sich über eine Länge von 960 Kilometern von der Provinz Transvaal bis zur Kapprovinz und ist durchgehend über 1.500 Meter hoch. Sein markantester Teil liegt zwischen dem 3.355 Meter hohen Giant’s Castle im Süden und dem 3.165 Meter hohen Sentinel im Norden. Mittendrin ragt der 3.482 Meter hohe Thabana Ntlenyana in den Himmel, nach dem Kilimanjaro der zweithöchste Berg Afrikas.

Ein Highlight dieser Region sind die über 4.000 Jahre alten Felszeichnungen der San in Höhlen und unter Felsüberhängen. Ein weiteres ist das so genannte Amphittheater, eine bogenförmige Bergkette, die sich im Hintergrund der Landschaft wie eine Theaterkulisse aufspannt. Der ihm zu Füßen liegende Royal Natal National Park ist Ausgangspunkt vieler Trekking-Touren und Wanderungen durch ein grünes Paradies aus Lilien, Protea-Büschen und -bäumen hinauf in das Bergmassiv zu dem spektakulären Wasserfall des Tugela-Rivers.

Am Blyde River Canyon

Etwa 350 Kilometer weiter nördlich, am Blyde River Canyon

mieten wir uns in Graskop auf dem Holiday Resort ein und fahren von dort aus die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Gegend an. Unser erster Anlaufpunkt ist das noch in der ursprünglichen Atmosphäre aus dem 19. Jahrhundert erhaltene Goldgräber-Nest Pilgrim’s Rest. Als 1972 dessen Vorkommen restlos ausgebeutet waren, übernahm der Staat den Ort und machte ihn zu einem einzigartigen Freiluft-Museum. Danach genießen wir den unvergleichlichen, offenen Ausblick von den berühmten Aussichtspunkten Wonder View und Gods Window am Rande des afrikanischen Grabenbruchs hinunter in die knapp tausend Meter tiefer liegende Ebene des Lowvelds. Weiter geht es über die beeindruckenden Wasserfälle Berlin, Lisbon und Mac-Mac und die Bourke’s Luck Potholes, die der Blyde River strudelnd regenreichen geologischen Epochen über Jahrmillionen aus dem Dolomitgestein heraus gewaschen hat. Unsere Rundfahrt beschließen wir bei schon tief stehender Sonne oberhalb der Schleife des Blyde Rivers bei den Three Rondavels. Wir blicken hinunter auf den 600 Meter unter uns liegenden Fluss, auf dessen Stausee und das Lowveld im Hintergrund. Uns gegenüber wachsen die Three Rondavels, afrikanischen Rundhütten ähnelnde Gesteinskuppen, aus dem steil aufragenden Ufer. Ihre Form verdanken sie, wie viele Berge in Südafrika, der Erosion, die im Laufe von Jahrmillionen die weichen Schichten unter den harten Kuppen herausgelöst hat.

Durch hügelige Landschaft mit Monokultur-Wald und vielen Brandflächen, die uns ein bisschen an den Schwarzwald erinnert, erreichen wir über Sabie, Nelspruit und Middelberg unser nächstes Ziel: Botshabelo – Museum, Naturreservat und Missionsstation in einem. Unser Interesse gilt weniger der Missionsstation als vielmehr dem farbenfrohen Ndebele-Village, in dem die Frauen des Stammes ihren traditionellen Künsten nachgehen: der Perlenstickerei und der Wandmalerei. Das Freilichtmuseum zeigt die drei Phasen der architektonischen Entwicklung der Ndebele-Hütten von den anfänglichen Gras- über die späteren Rundhütten bis zu den aktuellen rechteckigen und quadratischen Behausungen. Wie gut zu sehen ist, änderten sich nicht nur die äußere Form und die Konstruktion der Hütten mit der Zeit, sondern auch das Baumaterial und der Dekorationsstil. Wurden früher natürliche Materialien wie Lehm, Asche und organische Stoffe zum Bemalen der Außen- und Innenwände mit fantasievollen, geometrischen Mustern benutzt, so sind es heute kommerzielle Farben.

Zu Schildkröten und Wildkatzen

Das UNESCO-Welterbe Greater St. Lucia Wetland Park erstreckt sich entlang des Indischen Ozeans. Der bekannteste seiner Strandabschnitte ist das Kosi Bay Naturreservat – dank der Schildkröten. Vor allem die Leatherback-Schildkröten, die größten Meeresschildkröten der Erde, kommen regelmäßig hierher zu den Brutplätzen, um ihre Eier abzulegen. Zu ihrem Schutz darf das Gebiet nur mit qualifizierten Guides betreten werden. Die beste Zeit dafür ist der Februar, wenn die Babyschildkröten nachts den mühsamen Weg über die Dünen hinunter ins Meer zurücklegen.

Der Lake St. Lucia, der größte Binnensee des Landes,  ist 60 Kilometer lang und 10 Kilometer breit, aber nur 1 bis 2 Meter tief. Seine reichhaltigen Landformen schließen Schluchten, Strände, Dünenketten, Sümpfe, Grasländer, Wälder, Seen, Savannen und Korallenriffe ein. In ihm leben 2.400 Nilkrokodile, 1.500 Flusspferde und fast 100 Fischadler. Wir quartieren uns auf der von einer tobenden Affenherde bevölkerten Sugar Loaf Campsite von St. Lucia ein, direkt am Übergang des Sees zum Indischen Ozean. Von hier aus unternehmen wir mehrere Touren. So entlang der Küstenstraße, die sich entlang der Mitte des zirka einen Kilometer breiten Landstreifens dahinzieht, rechts das Salzwasser des Indischen Ozeans mit mehreren Badeplätzen, links das Wasser des Lake St. Lucia, am Zusammenfluss gleichzeitig Süß- und Salzwasser-Vorkommen. Am späten Nachmittag machen wir den obligatorischen Bootsausflug auf dem Lake St. Lucia, beobachten dabei Nilpferde, Pelikane, Flamingos, Watvögel und sich am Ufer sonnende Krokodile.

Ganz in der Nähe des Wetland Parks liegt das Hluhluwe Imfolozi Game Reserve. Es ist das älteste und drittgrößte Wildreservat Südafrikas. Das frühere Jagdgebiet von König Shaka Zulu strotzt nur so von Wild. 60 Löwen, 100 Leoparden, 25 Geparden und 160 Elefanten sollen hier leben. Dazu ungezählte Zebras, Antilopen, Kudus, Schildkröten, Wasserbüffel, Giraffen, Warzenschweine und Paviane. Besondere Berühmtheit hat sich der Park als Nachzucht- und Schutzareal für Nashörner erworben. Inzwischen sollen es 1.600 Breitmaul- und 400 Spitzmaul-Nashörner sein.

Fasziniert beobachten wir im Park einen Geparden, der sich in einem lichteren Waldstück gelangweilt neben einem Baum nieder lässt. Abweisend bis arrogant dreht er uns den Rücken zu. Schließlich quittiert er unsere Neugierde damit, dass er sich mit steil nach oben gerichtetem Schwanz rückwärts an den Baum stellt und sein Revier markiert. Dann schreitet er seelenruhig davon und verschwindet im Dickicht.

Obwohl wir durch dichtes Buschwerk fahren, bekommen wir doch viele Zebras, Büffel, Nashörner und unterschiedlichste Böcke zu sehen. Viel Freude macht uns eine Giraffe, die uns neugierig beäugt, während sie saftige Blätter von einem Baum abzupft. Nicht ganz so locker nehmen wir den Auftritt eines Elefanten. Er stapft mitten durch das Mpila Camp und versetzt die dort arbeitenden und lebenden Zulus sichtbar in Angst und Schrecken.

Außer dem Wildreichtum beeindruckt uns vor allem das Hügelpanorama, die einzigartige Buschlandschaft mit Dornengestrüpp, Savannen und Dickicht. Die Höhen und Flussufer sind dicht bewaldet. Dazwischen Schluchten afrikanischen Urgesteins und tief unter uns die Flussschleifen des White und des Black Imfolozi mit großen Sandbänken, auf denen sich Krokodile und Nilpferde in der Sonne räkeln.

All inclusive im Zulu-Kraal

Nach dem königlichen Jagdgebiet steht der 1984/85 für die Fernseh-Serie Shaka Zulu nachgebaute Kraal Shakaland auf unserem Wunschzettel. Im Mittelpunkt des rund dreistündigen Nandi-Programms mit Mittagessen und Rundgang durch das Dorf steht zweifelsohne die Tanzvorführung. Das Schauspiel, das uns im Dunkel der größten Rundhütte der Anlage erwartet, ist in der Tat faszinierend – auch wenn es speziell für die Touristen choreographiert ist. Nachdem der Häuptling eingezogen ist, die Besucher begrüßt und auf seinem Thron Platz genommen hat, wechseln sich Männer, Frauen, Mädchen und Jungs mit den unterschiedlichen rituellen Tänzen ab. Allen Vorführungen, gleichgültig, ob es sich um den Jagd- oder den Bullentanz handelt, haben eines gemeinsam: das akrobatische, abwechselnde Hochschleudern der Beine und das stakkatohafte Aufstampfen auf den Boden.

Von den Zulus zieht es uns zu den Elefanten im 1931 gegründeten Elephant National Park. Wir treffen sie an einem der Wasserlöcher des Parks, auf dessen Parkplatz sich schon eine stattliche Anzahl von Fahrzeugen versammelt hat. In und um das Wasserloch tummeln sich mindestens fünfzig Elefanten in mehreren, klar voneinander getrennten Familien. Weitere Dickhäuter-Rudel warten geduldig in respektvollem Abstand auf ihre Zeit am Wasserloch, das eher ein Schlammloch ist. Nur ein paar Einzelgänger stapfen keine zwei Meter vor den Motorhauben und den ängstlichen Touristen über den Parkplatz. Besonderen Spaß haben wir mit den Jüngsten. Etwa, wenn sie es nicht schaffen, nach dem Baden aus der schlammigen Brühe herauszuklettern und von ihren Müttern zur Unterstützung einen kräftigen Schubs mit dem Rüssel brauchen.

Über die Swartberge zu den Straußen

Uns zieht es zu dem 1.600 Meter hohen Swartberg Pass, den der Ingenieur Charles Bain im 19. Jahrhundert mit Hilfe eines Gefangenenkorps in fünfjähriger Knüppelarbeit durch das harte Gestein gemeißelt hat. Zu ihm gelangen wir über de Rust, Klaarstrom und den Meiringspoort, durch den tief eingeschnitten eine kurvenreiche Straße führt. Auf beiden Seiten türmen sich spektakulär gedrehte und gewundene  Felsformationen auf, gekrönt von verwitterten Gipfeln aus 250 Millionen Jahre altem Table Mountain Sandstein. Einige Kilometer hinter der Schlucht biegen wir links ab und quälen unser Maui-Alkovenmobil über die Swartberge. Es ist auch heute noch ein Abenteuer, diesen Naturpisten-Pass auf der Nordseite zu bezwingen, sich unter überhängenden Felsen hindurch zu zwängen, zahllose Serpentinen hinaufzuzirkeln, in tiefe Schluchten hinunterzuschauen und die aberwitzigen, bizarren Felsformationen zu bestaunen.

Nach einer Nacht im De Hoek Bergoord Mountain Resort besuchen wir die Cango Caves, das bedeutendste Tropfsteinhöhlen-System Südafrikas. Dann passieren wir das schön angelegte, gepflegte Oudtshoorn und passieren weitläufige Straußenfarmen, die heute hauptsächlich das Fleisch der Laufvögel vermarkten. Je näher wir der Küste kommen, umso mehr weicht das fahle Gelb der Landschaft einem immer dunkler werdenden Grün. Wir kommen langsam wieder in die Wein- und Hopfengegend im Süden der Outeniquaberge und rollen schließlich durch eine dicke Wolkensuppe hinunter an den Indischen Ozean.

Unten angekommen wenden wir uns westwärts in Richtung Weinland. Dort richten wir uns nahe Stellenbosch auf dem Mountain Breeze Resort und Caravan Park ein, um von dort aus Tagesausflüge zum Cape Agulhas, dem südlichsten Punkt Südafrikas, zum Kap der Guten Hoffnung und nach Kapstadt zu machen.

Weinland, Kaps und Mutterstadt

Die Universitätsstadt Stellenbosch, zweitälteste Stadt Südafrikas, lässt noch heute mit ihren liebevoll gepflegten kapholländischen Häusern aus dem 17. Jahrhundert die Zeit ihrer Gründung nachempfinden. Zum Beispiel in der Kirche der Rheinischen Mission, dem Alten Kutscherhaus, dem Burgerhuis mit dem kleinen Stellenbosch-Museum und dem liebevoll restaurierten Herrenhaus Libertas Parva von Stellenbosch, in dem heute ein Weinmuseum und eine Kunstgalerie untergebracht sind.

Die Stadt liegt eingebettet in eine friedliche, zutiefst europäisch anmutende Landschaft. Eine, die Südafrika zum sechstgrößten Weinproduzent der Welt gemacht hat, in er es aber trotz Regenbogen-Nation bisher nur wenige Schwarze zu Kellermeistern oder gar wie der Zulu Jabulami Ntshangase, der das Spier Wine Estata leitet, zu Chefs von Weingütern gebracht haben. Das große Heer der Schwarzen arbeitet nach wie vor auf den Feldern oder in den riesigen Kellern.

Auch einige Deutsche haben in Stellenbosch, Paarl und Constantia herunter gekommene Weingüter gekauft, restauriert und kultiviert. Einer von ihnen ist der Hamburger Roland Seidel, der 1997 in Stellenbosch das Gut de Leuwen gekauft und unter dem Namen Seidelberg zu einem der Spitzenweingüter Südafrikas gemacht hat. Ein anderer ist der Münchner Stephan Schörghuber, der seit 1999 das nicht minder berühmte Weingut Blaauwklippen betreibt. Im idyllischen Franschhoek – Afrikaans für Franzoseneck – dominieren dagegen die Franzosen – die Nachfahren der um 1866 aus Frankreich über Holland geflohenen Hugenotten.

Wie an einer Perlenschnur gezogen liegen deren Weingüter, meist durch Restaurants oder Hotels erweitert, rechts und links der Hauptstraße, an deren Ende das gewaltige Hugenotten-Denkmal an die frühere Vertreibung aus der französischen Heimat erinnert.

Zum Pflichtprogramm gehört das wohl bekannteste Weingut Südafrikas, das im 17. Jahrhundert gegründete Vergelegen. Es verdankt seine Berühmtheit nicht allein seinen Weinen, sondern auch seiner Geschichte und seinen weitläufigen Parks und Anlagen. Den Namen hat es übrigens wegen seiner Lage zu Kapstadt: Vergelegen – fern gelegen. Das gesamte, 3.000 Hektar große Anwesen ist ein einziges, riesiges Museum, für dessen Besuch man einen ganzen Tag einplanen sollte. Denn allein die Entfernungen zwischen den einzelnen Gebäuden – der Rezeption, der Bücherei, dem Herrenhaus, dem Weinprobier-Zentrum, dem Lady Philipps Restaurant und der Rosen-Terrasse – sind beträchtlich. Noch weiter liegen die Naturdenkmale auseinander: der Yellowwood Walk, die Royal Oak sowie der Wetland- und der Rosegarden.

Den südlichsten Punkt Afrikas, das Cape Agulhas, erreichen wir  über Caledon, Bredasdorp und Struisbaai. Vom Leuchtturm, in dem heute ein Museum untergebracht ist, laufen wir hinunter ans Ufer. Dorthin, wo sich der Indische und der Atlantische Ozean treffen. Wir haben Glück, die Sicht auf das Meer ist ganz gut. Der Dunst, der sich beim Aufeinandertreffen der unterschiedlich kalten Ozeane bildet, steigt heute nicht sehr dicht auf.

Zurück geht es über die Fynbos-Road nach Hermanus, das zwischen August und Dezember als Zentrum der Walbeobachtung gilt. Die Straße verdankt ihren Namen dem Bewuchs in dieser Region, die als eine der artenreichsten Fynbos-Vegetationen der Erde gilt. Fynbos, Feinbusch, steht  als Sammelbegriff für die Kapmacchia aus Pflanzen wie der Protea. Einer immergrünen Pflanze mit großen Blüten und besonders widerstandsfähigen Blättern, deren bekannteste die Königsprotea ist, das Nationalsymbol Südafrikas. Außer den Proteen wurden in dieser Gegend insgesamt 600 Erica-Arten, 100 Asternarten, zahlreiche Riedgräser, Fresien, Gladiolen und Iris gezählt. Viele von ihnen sind endemisch. Das heißt, man findet sie auf der Erde ausschließlich hier.

Unseren Tagesausflug zum Kap der Guten Hoffnung müssen wir im strömenden Regen und bei starkem Sturm abspulen. Kein Mensch ist an den schier endlosen Sandstränden am Indischen Ozean hinter Muizenberg zu sehen. Selbst die Pinguine in der Boulders Jackass Beach Pinguin Kolonie scheinen keine Lust zu verspüren, mit Touristen baden zu gehen oder sie anzubetteln.

Im Regen zeigt sich auch der gewaltige, 1936 zum Naturpark erklärte Bergrücken wenig einladend, der sich vom Tafelberg bei Kapstadt bis zum Kap der Guten erstreckt. Weil es hier oben ständig kräftig pfeift, beschränkt sich die Natur auf dichten, wenn auch mannshohen, Fynbos-Bewuchs. Den Namen Kap der Guten Hoffnung verdiente sich der in das Meer hinausragende Felsrücken durch seine zerklüftete, meist in dichten Wolken hängende Küste und deren äußerst tückische Brandung. Um die 2.000 Schiffe sollen an ihr auf Grund gelaufen und zerborsten sein.

Kapstadt als Start- und Endpunkt unserer Reise ist die älteste Stadt Südafrikas, die „Mother City“. Mit ihrer Lage zwischen dem 1.087 Meter hohen Tafelberg, dem Wahrzeichen und Orientierungspunkt der Stadt, sowie dem Atlantischem Ozean ist die Metropole trotz ihrer Größe und ihres kosmopolitischen Flairs eine überschaubare Stadt. Ihre Schönheit liegt in der Vielfalt ihrer Form, in der Großzügigkeit ihrer Planung und in der geschmacklichen Sicherheit ihres Baustils mit den vielen noch erhaltenen, viktorianischen Gebäuden. Kapstadt ist aber auch eine Stadt von europäischem Gepräge – eine „weiße“ Stadt. Ein Kosmos jenseits von Afrika.

Die Mutterstadt kann mit einer Vielzahl von Touristen-Arttraktionen punkten. Da sind in erster Linie der Tafelberg und die Victoria and Alfred Waterfront – eine im alten Fischerhafen entstandene Einkaufs-Meile mit tollen Geschäften, Restaurants, Bars, Hotels, Kinos und Theatern, die  alljährlich zehn Millionen Besucher anlockt. Aber auch die Altstadt, das Malay-Quarter Bo Kaap mit seiner eigenständigen, islamischen Kultur und den bunten Häusern sowie der Signal Hill sind Touristenmagnete. Und dann wären da noch der Kirstenbosch National Botanical Garden am Hang des Tafelbergs mit 10.000 einheimischen Pflanzen, der Company’s Garden in der Innenstadt, das älteste Steingebäude Südafrikas, der im 17. Jahrhundert erbaute Gouverneurssitz Castle of Good Hope, das 1899 im britischen Stil erbaute Mount Nelson Hotel am Tafelberg, das South African Museum, die African National Gallery und die Groote Kerk als älteste Kirche Südafrikas. Und letztlich auch noch die vorgelagerte Gefängnisinsel Robben Island, auf der Nelson Mandela 26 Jahre lang inhaftiert war.

All das wäre Programm genug, um noch eine weitere Woche in und um Kapstadt zu bleiben. Aber leider, morgen geht unser Flieger zurück nach Deutschland.

INFO-BOX

Einreise/Verkehr/Camping: Aufenthalt bis zu drei Monaten allein mit Reisepass (ohne Visum) möglich, Linksverkehr, erstklassiges Straßennetz, Tanken nur mit Bargeld, Internationaler Führerschein plus nationale Fahrerlaubnis erforderlich. Übernachtung auf Campingplätzen, Lodges oder Farmen dringend zu empfehlen. Hilfreich und informativ sind die vielen Prospekte, Broschüren und Flyer, die man an den verschiedensten Stellen mitnehmen kann.

Reisen mit eigenem Mobil: Seit Kurzem durch den Reise- und Verschiffungs-Spezialist Seabridge in Düsseldorf (www.seabridge-tours.de) möglich. Kosten je nach Fahrzeug-Kubikmeter. Carnet de Passage (ADAC) und Versicherung im Land obligatorisch. Zollfreier Aufenthalt des Fahrzeugs bis zu einem Jahr.

Rent a Camper: Bevorzugt von Maui (www.maui.co.za) oder KEA (www.keacamper.co.za). Kastenwagen, Teilintegrierte oder Alkovenmobile auf Mercedes Sprinter 313 CDI Rechtslenker, mit Geschirr, Besteck, Bettwäsche, Handtüchern, Klappstühlen und Campingtisch. Einfache Aufbauten mit praktischer Einrichtung, außer Gaskocher überwiegend 230-Volt-Geräte. Keine Markise oder Sonnensegel.

Küche und Keller: Die Kap-Küche vereint Einflüsse aus Europa, Asien und Afrika: Eintöpfe (Potjies oder Bredies), Biltong (gesalzene, getrocknete Fleischstreifen), Braai (Nationalsport Grillen), Rind-, Hammel-, Warzenschwein-, Perlhuhn-, Straußen-, Antilopen-, Springbock-, Büffel- und Kudufleisch, Aal, Hecht, Hai, Riesen-Langusten, Seeteufel und Tintenfisch. Zutaten: Butternut-Kürbis, Süßkartoffeln, Zuckerschoten, Kokosmilch, Mais, Ingwer, Papayas, Avocados, Mangos, Chili, Kurkuma. Weine aus 560 Kellereien: Chardonnay, Chenin Blanc, Sauvignon Blanc, Cabernet Sauvignon, Shiraz, Merlot und Pinotage.

Geld/Einkaufen: Überall im Land gibt es Geldautomaten (meist auf umgerechnet 200 Euro limitiert), Spar- und Super- Spar-Filialen, Checkers Pick’n Pay und andere Supermärkte. Alle akzeptieren Visa- oder Mastercard-Kreditkarten – mal mit, mal ohne PIN-Nummer.

Bevölkerung: 48 Millionen Einwohner (auf einer Fläche von 1,2 Mio Quadtratkilometern), davon: 32 Millionen Schwarze (überwiegend Zulus), 4,3 Millionen Weiße, eine Million Asiaten und rund 4,2 Millionen Mischlinge – Farbige genannt. Elf anerkannte Landessprachen.

Geschichte: Der erste Weiße, Jan van Riebeeck, kam 1652 mit 90 Pionieren nach Kapstadt und begann mit Weinanbau und Viehzucht. Die ihm folgenden Bauern – Buren – vertrieben die alteingesessenen San und Khoikhoi und folgten ihnen immer weiter nach Osten. Dort führten sie gegen die Xhosa und Zulu ab 1779 die Kaffernkriege. Anfang des 19. Jahrhunderts weiteten die Briten ihre Macht landesweit aus. Die Buren flohen in großen Trecks gen Osten. Das führte zu mehreren Kriegen mit den Zulus sowie unter den Weißen (burische Frauen und Kinder in britischen Konzentrationslagern). 1913 im „Natives Land Act“ Zuteilung von Homelands an die Schwarzen. 1948: Einführung der Apartheid – der „getrennten Entwicklung“. 1960: blutige Kämpfe zwischen Schwarzen und Polizei. Acht Führer, darunter Nelson Mandela, werden zu lebenslanger Haft verurteilt. 1986: USA und EG verhängen drastische Sanktionen gegen Südafrika. 1990: Ende der Apartheid und des ANC-Verbots, Entlassung Mandelas aus der Haft. 10. Mai 1994: Nelson Mandela wird erster schwarzer Präsident der Republik Südafrika.

Fußball-Weltmeisterschaft: 11.06. – 11.07.2010, Spielorte: Johannesburg, Rustenburg, Pretoria, Polokwane, Nelspruit, Bloemfontein, Durban, Port Elizabeth, Kapstadt.

Tourismusinformation: South African Tourism, Friedensstraße 6 – 10, 60311 Frankfurt, www.southafricantourism.net.
Text: Frank Böttger

Fotos: Frank Böttger, Axel Rimmele, Angela Körbs

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